Hans-Lukas Kieser, Seminar für Zeitgeschichte der Universität Fribourg, Wintersemester 2004/05


Übersicht: Palästina/Israel (19./20. Jahrhundert)


Palästina 1798-1948

Ost und West, islamische Reiche und Europa standen seit dem frühen Mittelalter in vielfältiger Interaktion. Neu war im 19./20. Jahrhundert das zunehmende Ungleichgewicht der Macht, das die westliche Durchdringung des Nahen Ostens in politischer, militärischer und kultureller Hinsicht ermöglichte. Unter der säkularen Oberfläche westlicher Moderne waren «geotheologisch» inspirierte christliche und jüdische Kräfte am Werk, die die Moderne auf dem Hintergrund biblischer Heilsgeschichte als «Endzeit» – d. h. Epoche globaler Evangelisierung und/oder nationalen jüdischen Wiederaufbaus als Vorspiel zum «Reiche Gottes auf Erden» – deuteten. Diesen Akteuren gemeinsam war die theologische und historische Abwertung des Islams, dessen «Fall» sie erwarteten. Palästina wurde von ihnen als Ort christlich-jüdischer Heilsgeschichte sowie als macht- und kulturpolitische Einflusszone wahrgenommen; die islamische Geschichte der Region und ihre überwiegend muslimische Demographie erschienen vielen von ihnen als Hindernis für den zivilisatorischen oder heilsgeschichtlichen «Fortschritt». Ihre politischen Gegenspieler – die osmanischen Reformbeamten, der Sultan und die lokalen muslimischen Eliten, denen die Wiedererstarkung des Islams bzw. der Bestand lokaler Verhältnisse am Herzen lag – reagierten weitgehend ratlos und uneinig auf die fundamentale Infragestellung ihres Selbstverständnisses als religiös legitimierte Machtträger. Aber auchdie selbstbewussten westlichen Diplomaten waren sich unschlüssig darüber, wie die «OrientalischeFrage» – die Frage nach der Zukunft des osmanischen Raumes – sinnvoll zu beantworten war. Zielbewusst, beharrlich und hoch motiviert handelte hingegen die zionistische Bewegung in dieser Umbruchszeit.

I  Palästina in Reichweite europäischer Neuordnung
1798/99 Bonapartes Invasion in Ägypten und Palästina erschüttert das osmanische System. Dieses
ging von der gottgegebenen Überlegenheit der Muslime aus und baute  auf der religiös begründeten Unterordnung der orientalischen Christen und Juden unter die muslimische millet-i hakime (zum Herrschen befugte Gemeinschaft) auf.
1818: Das «American Board of Commissioner for Foreign Mission» gründet eine Mission in Palästina, Syrien und Kleinasien und erwartet: 1. Entmachtung des Islams. 2. «Restoration of the Jews». Ähnliche Erwartungen hegte die «London Society for Promoting Christianity amongst the Jews» (1809).
1831-40 Ägyptische Besatzung Syriens und Palästinas (vgl. Modernisierung Ägyptens durch Muhammed Ali, Vizekönig von Ägypten 1805-49).
1838 Britisch-osmanisches Freihandelsabkommen und Eröffnung eines brit. Konsulats in Jerusalem.
1841 Anglo-preussisches protestantisches Bistum Jerusalem. (1846-79: Bischof Samuel Gobat).
1839-76 osmanische Reformära (Tanzimat).

II Spätosmanisches Palästina und Zionismus
1876-1909 Abdulhamid: Politik der muslimischen Einheit.
1882 Erste jüdische Migrationsbewegung nach Palästina (1. Alija) aus Russland nach den Judenpogromen, die auf die Ermordung Zar Alexander II. 1881 folgten. Bis 1904 gut 20'000 Einwanderer (gleichzeitig weit stärkere muslimische Migration aus dem Zarenreich ins Osmanische Reich).
1897 Zionistenkongress. 1907 zionistisches Palästinaamt in Jaffa zur Förderung der jüdischen Besiedlung.
1908 «Jungtürkische Revolution». Jungtürkische Politik der türkischen und muslimischen Einheit 1909-18 (-23).

III Britisches Mandat
1917 Balfour-Deklaration und britische Eroberung Palästinas.
1919-23 Neuordnung des Nahen Ostens in Sèvres und Lausanne: Armenier, Kurden und Palästinenser als Verlierer der neuen Ordnung.
1920-48 Trotz zunehmender jüdisch-britischer Unstimmigkeiten gewährt das britische Mandat der jüdischen Minderheit ein sicheres Dach in Palästina. Der Aufbau zionistischer Strukturen in Wirtschaft (Histadruth 1920) und Politik (Jewish Agency 1929) schreitet voran; die jüdische Bevölkerung verzwölffacht sich in der Mandatsperiode. Unter säkular-nationalistischen wie auch islamistischen Vorzeichen formiert sich palästinensischer Widerstand.
1937 Teilungsplan der Peel-Kommission.
1933-45: Judenverfolgung in Deutschland und Europa.
1947 UNO-Resolution zur Teilung Palästinas (181).
1948 Gründung Israels.

Demographie Palästinas
Vgl. MacCarthy 1990; Krämer 2002, S. 154-66 und 215-17.
• Um 1800: Knapp 300'000, davon 90 % Muslime, ca. 25'000 osmanische Christen und 7'000 osmanische Juden («alter Yishusv» in Jerusalem, Hebron, Safad, Tiberias).
• 1881: 457'000 osmanische Untertanen, ca. 400'000 Muslime, 43'000 Christen und 15'000 Juden (hinzu kommen einige Tausend nichtosmanische Christen und ca. 10'000 nichtosmanische Juden).
• 1914: 722'000, 602'000 Muslime, 81'000 Christen, 39'000 Juden (hinzu kommen knapp 30'000 nichtosmanische Juden).
• 1922: 820'259, 640'798 Muslime, 76'194 Christen, 94'752 Juden, andere 8'515.
• 1946: 1'942'349, 1'175'196 Muslime, 148'910 Christen, 602'586 Juden, andere 15'657.


Palästina/Israel seit dem 2. Weltkrieg

Im ethnisch gemischten spätosmanischen Palästina bestand der kleine Yishuv aus zimmi (d. h. von der Politik ausgeschlossenen «Schutzbefohlenen» der islamischen Oberherrschaft). Daraus wurde unter britischem Mandat ein europäisiertes jüdisches Gemeinwesen, das sich politisch, wirtschaftlich, gewerkschaftlich und militärisch straff organisierte. Dessen zionistischen Führer stammten aus Osteuropa und zielten auf einen ethno-nationalen Judenstaat, nicht eine jüdisch-palästinensische Zivilgesellschaft ab. Im Gegenzug dazu ging der zunehmend militante palästinensische Widerstand Hand in Hand mit Bemühungen um eine islamische Restauration mit dem Ziel, das jüdische Projekt zu vernichten. Der Mangel an Pragmatismus und Vision bei den arabischen Akteuren, die Palästina repräsentierten, verhinderte ein Eingehen auf schmerzliche, aber langfristig lohnende Kompromisse wie den britischen Teilungsplan von 1937 oder den UN-Teilungsbeschluss von 1947. In gefährdeter Situation, aber auch im Schatten des Entsetzens der Welt über die Shoah, schufen die zionistischen Akteure nach dem 2. Weltkrieg in Palästina Fakten, die für sie 1948 den Triumph in Form eines Nationalstaates und eines militärischen Sieges, für die anderen bis heute eine Katastrophe (nakba) bedeuten, nämlich die Flucht und Vertreibung von rund 700'000 nichtjüdischen Palästinensern aus ihrer Heimat. In der Lausanner Nahostkonferenz 1949 deklarierte sich der Sieger – wie schon 1923 die Türkei – als unzuständig für die von seinem Boden Entwurzelten. Der junge Nationalstaat nutzte in den folgenden Jahrzehnten seine militärische und diplomatische Stärke dafür, zu expandieren und die Palästinenser weiter zu verdrängen. Er rechtfertigte dies mit dem Erfolg seiner Waffen, mit dem ideologischen Rückgriff auf das alttestamentliche Israel und indem er auf Widersacher verwies, die den Untergang des jungen Staates anstrebten. Der grösste territoriale Gewinn resultierte aus dem Sechstagekrieg 1967. Für die israelische Friedensbewegung repräsentiert dieser indes die Korruption der Zionsidee und damit Israels: Dass es als Besatzungsmacht die Nichtjuden ghettoisiere und ihr Elend festschreibe, zerstöre seine moralische Substanz.


I Etablierung und Expansion Israels – Zementierung des palästinensischen Flüchtlingsproblems
1947 UN-Vollversammlung beschliesst die Teilung Palästinas (29. 11.). (Karte)
1948 Proklamation der Staates (14. 5.), einen Tag vor Ablauf des britischen Mandates. Israel siegt in den Ende 1947 ausgebrochenen Kämpfen und vergrössert sein Terrritorium.
1949 Die Lausanner Nahostkonferenz scheitert nach Einschätzung des US-Emissärs Mark F. Ethridge an der Intransiganz des Siegers, der die palästinensischen Flüchtlinge den Sudetendeutschen gleichstellt.
ab 1950: Gleichzeitig mit dem Westbündnis der Türkei lehnt sich Israel strategisch eng an die USA an. Bis in die 1980er Jahre steht der Nahostkonflikt im Zeichen des Kalten Krieges.
1956 Israelischer Angriffskrieg auf Ägypten («Suez-Krieg»). Auf amerikanischen Druck hin räumt Israel 1957 die Sinai-Halbinsel. – Gründung der palästinensischen Kampforganisation el-Fatah durch Yasir Arafat.
1964 Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) durch den Palästinensischen Nationalkongress.
1967 Israelischer «Präventivkrieg» («Sechstagekrieg»), nachdem Ägypten den Seeweg nach Eilat gesperrt hatte. Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten (Gazastreifen und Westjordanland).

II Krisen und Friedensbemühungen
1973 Yom-Kippur-Krieg (arabischer Überraschungsangriff). US-Unterstützung hilft ein israelisches Debakel zu verhindern.
1977 Mit Menachem Begin (Likud-Partei) kommt ein Jünger des Rechtszionisten Jabotinsky als Ministerpräsident an die Macht. Die Arbeiterpartei ist erstmals in der Opposition.
1979 Ägyptisch-israelischer Friedensvertrag.
1982 Israelischer Feldzug in den Libanon und Besetzung des Süd-Libanons. Hintergrund: Jordanien bildete bis 1970 eine Hauptbasis militanter Palästinenser, das haschemitische Regime ging aber 1970/71 brutal gegen diese vor, so dass ein Exodus nach dem Libanon einsetzte.
1987 Intifada in den besetzten Gebieten.
1991 Nahostkonferenz in Madrid und Beginn des Osloer Friedensprozesses.
1993 Prinzipienerklärung zwischen Israel und der PLO über gegenseitige Anerkennung und die Schaffung einer palästinensischen Selbstverwaltung.
1994 Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien. Arafat, Peres und Rabin erhalten den Friedensnobelpreis.
1995 Der israelische Ministerpräsident Rabin wird durch einen religiösen Ultranationalisten ermordet. Der Friedensprozess erleidet schweren Schaden. Die israelische Siedlungspolitik wird fortgesetzt (1996–99 unter Ministerpräsident Netanyahu vom Likud).
2000 US-Präsident Clinton, der israelische Ministerpräsident Barak und Arafat treffen sich in Camp David. Die Gespräche sind vertraulich. Barak will den Grossteil der 1967 besetzten Gebiete zurückzugeben, versucht aber in der bedeutsamen Jerusalemfrage, die Palästinenser mit einem Vorort abzufinden.

III Politische Perspektivlosigkeit im Schatten des «war against terror» und islamistischer Selbstmordattentate
2001 Ministerpräsident Ariel Sharon von der Likud-Partei.

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21.6.2004