Ost und West, islamische Reiche und Europa standen seit dem frühen
Mittelalter in vielfältiger Interaktion. Neu war im 19./20. Jahrhundert
das zunehmende Ungleichgewicht der Macht, das die westliche Durchdringung
des Nahen Ostens in politischer, militärischer und kultureller Hinsicht
ermöglichte. Unter der säkularen Oberfläche westlicher Moderne
waren «geotheologisch» inspirierte christliche und jüdische
Kräfte am Werk, die die Moderne auf dem Hintergrund biblischer Heilsgeschichte
als «Endzeit» – d. h. Epoche globaler Evangelisierung und/oder
nationalen jüdischen Wiederaufbaus als Vorspiel zum «Reiche Gottes
auf Erden» – deuteten. Diesen Akteuren gemeinsam war die theologische
und historische Abwertung des Islams, dessen «Fall» sie erwarteten.
Palästina wurde von ihnen als Ort christlich-jüdischer Heilsgeschichte
sowie als macht- und kulturpolitische Einflusszone wahrgenommen; die islamische
Geschichte der Region und ihre überwiegend muslimische Demographie erschienen
vielen von ihnen als Hindernis für den zivilisatorischen oder heilsgeschichtlichen
«Fortschritt». Ihre politischen Gegenspieler – die osmanischen
Reformbeamten, der Sultan und die lokalen muslimischen Eliten, denen die Wiedererstarkung
des Islams bzw. der Bestand lokaler Verhältnisse am Herzen lag – reagierten
weitgehend ratlos und uneinig auf die fundamentale Infragestellung ihres
Selbstverständnisses als religiös legitimierte Machtträger.
Aber auchdie selbstbewussten westlichen Diplomaten waren sich unschlüssig
darüber, wie die «OrientalischeFrage» – die Frage nach der
Zukunft des osmanischen Raumes – sinnvoll zu beantworten war. Zielbewusst,
beharrlich und hoch motiviert handelte hingegen die zionistische Bewegung
in dieser Umbruchszeit.
I Palästina in Reichweite europäischer Neuordnung
1798/99 Bonapartes Invasion in Ägypten und Palästina erschüttert
das osmanische System. Dieses ging von der gottgegebenen Überlegenheit
der Muslime aus und baute auf der religiös begründeten
Unterordnung der orientalischen Christen und Juden unter die muslimische
millet-i hakime (zum Herrschen befugte Gemeinschaft) auf.
1818: Das «American Board of Commissioner for Foreign Mission»
gründet eine Mission in Palästina, Syrien und Kleinasien und erwartet:
1. Entmachtung des Islams. 2. «Restoration of the Jews». Ähnliche
Erwartungen hegte die «London Society for Promoting Christianity amongst
the Jews» (1809).
1831-40 Ägyptische Besatzung Syriens und Palästinas (vgl. Modernisierung
Ägyptens durch Muhammed Ali, Vizekönig von Ägypten 1805-49).
1838 Britisch-osmanisches Freihandelsabkommen und Eröffnung eines
brit. Konsulats in Jerusalem.
1841 Anglo-preussisches protestantisches Bistum Jerusalem. (1846-79: Bischof
Samuel Gobat).
1839-76 osmanische Reformära (Tanzimat).
II Spätosmanisches Palästina und Zionismus
1876-1909 Abdulhamid: Politik der muslimischen Einheit.
1882 Erste jüdische Migrationsbewegung nach Palästina (1. Alija)
aus Russland nach den Judenpogromen, die auf die Ermordung Zar Alexander
II. 1881 folgten. Bis 1904 gut 20'000 Einwanderer (gleichzeitig weit stärkere
muslimische Migration aus dem Zarenreich ins Osmanische Reich).
1897 Zionistenkongress. 1907 zionistisches Palästinaamt in Jaffa zur
Förderung der jüdischen Besiedlung.
1908 «Jungtürkische Revolution». Jungtürkische Politik
der türkischen und muslimischen Einheit 1909-18 (-23).
III Britisches Mandat
1917 Balfour-Deklaration und britische Eroberung Palästinas.
1919-23 Neuordnung des Nahen Ostens in Sèvres und Lausanne: Armenier,
Kurden und Palästinenser als Verlierer der neuen Ordnung.
1920-48 Trotz zunehmender jüdisch-britischer Unstimmigkeiten gewährt
das britische Mandat der jüdischen Minderheit ein sicheres Dach in
Palästina. Der Aufbau zionistischer Strukturen in Wirtschaft (Histadruth
1920) und Politik (Jewish Agency 1929) schreitet voran; die jüdische
Bevölkerung verzwölffacht sich in der Mandatsperiode. Unter säkular-nationalistischen
wie auch islamistischen Vorzeichen formiert sich palästinensischer
Widerstand.
1937 Teilungsplan der Peel-Kommission.
1933-45: Judenverfolgung in Deutschland und Europa.
1947 UNO-Resolution zur Teilung Palästinas (181).
1948 Gründung Israels.
Demographie Palästinas
Vgl. MacCarthy 1990; Krämer 2002, S. 154-66 und 215-17.
• Um 1800: Knapp 300'000, davon 90 % Muslime, ca. 25'000 osmanische Christen
und 7'000 osmanische Juden («alter Yishusv» in Jerusalem, Hebron,
Safad, Tiberias).
• 1881: 457'000 osmanische Untertanen, ca. 400'000 Muslime, 43'000 Christen
und 15'000 Juden (hinzu kommen einige Tausend nichtosmanische Christen und
ca. 10'000 nichtosmanische Juden).
• 1914: 722'000, 602'000 Muslime, 81'000 Christen, 39'000 Juden (hinzu
kommen knapp 30'000 nichtosmanische Juden).
• 1922: 820'259, 640'798 Muslime, 76'194 Christen, 94'752 Juden, andere
8'515.
• 1946: 1'942'349, 1'175'196 Muslime, 148'910 Christen, 602'586 Juden,
andere 15'657.
Palästina/Israel seit dem
2. Weltkrieg