Hans-Lukas Kieser, Privatdozent, Historisches Seminar der
Universität Zürich, Sommersemester 2007
"Ben Gurion (1886-1973) und die Gründung Israels (1948)"
Übersicht: Palästina/Israel
(19./20. Jahrhundert)
PALÄSTINA 1798-1948
Ost und West, islamische Reiche und Europa standen seit dem frühen
Mittelalter in vielfältiger Interaktion. Neu war seit dem
späten 18. Jahrhundert
das zunehmende Ungleichgewicht der Macht, das die westliche
Durchdringung
des Nahen Ostens in politischer, militärischer und kultureller
Hinsicht
ermöglichte.
Unter der säkularen Oberfläche westlicher Moderne
waren «geotheologisch» inspirierte, namentlich
protestantische
Kräfte am Werk: Sie deuteten die Moderne auf dem Hintergrund
biblischer Heilsgeschichte
als «Endzeit», d. h. Epoche globaler Evangelisierung
und/oder
nationalen jüdischen Wiederaufbaus («Restoration»),
was notwendiges Vorspiel zum Reiche Gottes
auf Erden sei. Daher begann die amerikanische Überseemission in
den 1810er Jahren mit Palästina.
Vor diesem Hintergrund und als Reaktion auf Nationalismus und Antisemitismus
in Europa formierte sich Ende des 19. Jahrhunderts der
politische Zionismus, und zwar vor allem unter Juden der
deutschsprachigen Welt
und des zaristischen Osteuropas. Das Projekt, Israel im Rückblick
auf das biblische Israel wieder aufzubauen, verlieh ihnen eine neue
Zukunft und Identität.
Es begann beim eigenen Namen: David
Grün etwa nannte sich Ben Gurion, nachdem er 1906 aus Polen nach
Palästina ausgewandert war. Abgesehen vom geschilderten
Hintergrund wies der politische Zionismus die Züge der
zeitgenössischen Nationalismen auf. Ben Gurion verehrte Moses als
den "grössten aller Juden", sein Projekt war "neo-mosaisch",
was sowohl den Auszug aus Knechtschaft/Diaspora als auch die
Reorganisation exklusiv jüdischer Staats- und Territorialmacht
anging.
Die Synergie von christlichem Zionismus bzw. Restorationism, der in
Grossbritannien und den USA bis in höchste Kreise Sympathie
genoss, und politischem jüdischem Zionismus ermöglichte die
erstaunliche Dynamik, die vom ersten Zionistenkongress in Basel 1897
zur Staatsgründung 1948 führte. Ben Gurion selbst
vollzog 1915, im Ersten Weltkrieg, die Wende von der bisher
favorisierten deutsch-osmanischen, antizaristischen Option des
Zionismus hin zur angloamerikanischen.
Jüdischen und christlichen Akteuren des Zionismus gemeinsam war
eine gewisse Abwertung islamischer Geschichte, Religion und
Lebensweise. Die
frühen amerikanischen Missionare hatten den nahen «Fall des
Islams» erwartet. Die islamische
Geschichte der Region erschien christlichen
und jüdischen
Zionisten als Hindernis für den zivilisatorischen oder
heilsgeschichtlichen «Fortschritt». Die
überwiegend nichtjüdische Demografie
Palästinas wiederum war ein
«Problem» für das ethnonationale
Staatsverständnis der Zionisten sowohl um Ben Gurion als auch
seinen rechten Widersacher Jabotinsky.
Im ethnisch gemischten spätosmanischen Palästina
bestand
der kleine Yishuv aus zimmi (von der Politik
ausgeschlossenen «Schutzbefohlenen» der islamischen
Oberherrschaft). Daraus
wurde unter britischem Mandat ein europäisiertes jüdisches
Gemeinwesen, das sich politisch, wirtschaftlich, gewerkschaftlich und
militärisch sukzessiv organisierte. Dessen Führer stammten
aus Osteuropa, bekannten sich mehrheitlich zu sozialrevolutionärem
Radikalismus - "politischem Messianismus" - à la russe. Sie
zielten dabei primär auf einen Judenstaat der "Arbeiterklasse"
(Ben Gurion), nicht auf eine demokratische
jüdisch-palästinensische Zivilgesellschaft.
Für
die Mehrheit von ihnen besassen Aufbau und Pflege der Beziehung mit der
vorhandenen Bevölkerung keine zentrale
Bedeutung. Gegenspieler dieses zionistischen
Projektes waren der
osmanische
Staat und die lokalen muslimischen Eliten, denen die Wiedererstarkung
des Islams bzw. die Kontinuität bestehender Verhältnisse am
Herzen lag.
Sie reagierten
weitgehend ratlos und uneinig auf die Infragestellung ihres
Selbstverständnisses als religiös legitimierte
Machtträger.
Aber auch die westlichen Diplomaten waren sich unschlüssig
darüber, wie die «Orientalische Frage» – die Frage
nach der
Zukunft der osmanischen Welt und Palästinas – sinnvoll und gerecht
zu
beantworten sei.
Der zunehmend militante palästinensische Widerstand ging
damals oft Hand in Hand mit Bemühungen um eine islamische
Restauration mit
dem Ziel, das jüdische Projekt zu vernichten oder stark
einzuschränken. Mangel an Pragmatismus und Vision bei
arabischen Akteuren, die Palästina repräsentierten, liess
Gelegenheiten zu schmerzlichen, aber langfristig lohnenden
Kompromisse wie den britischen Teilungsplan von 1937 oder den
UN-Teilungsbeschluss von 1947 verpassen.
In gefährdeter Situation, und im Schatten des
Entsetzens
der
Welt über die Shoah, schufen die zionistischen Akteure nach dem 2.
Weltkrieg in Palästina Fakten, die für sie 1948 den Triumph
in Form eines Nationalstaates und eines militärischen Sieges,
für die anderen bis heute eine Katastrophe (nakba) bedeuten,
nämlich die Flucht und Vertreibung von rund 700'000
nichtjüdischen Palästinensern aus ihrer Heimat. In der
Lausanner Nahostkonferenz 1949 deklarierte sich der Sieger – wie schon
1923 die Türkei – als unzuständig für die von seinem
Boden Entwurzelten.
I Palästina in Reichweite europäischer Neuordnung
1798/99 Bonapartes Invasion in Ägypten und Palästina
erschüttert das osmanische System. Dieses baute
auf der religiös begründeten
Unterordnung der orientalischen Christen und Juden unter die
muslimische
millet-i hakime (zum Herrschen befugte Gemeinschaft) auf.
1819: Das «American Board of Commissioner for Foreign
Mission»
gründet eine Mission in Palästina, Syrien und Kleinasien und
erwartet: 1. Entmachtung des Islams. 2. «Restoration of the
Jews». Ähnliche Erwartungen hegte die «London Society
for Promoting Christianity amongst the Jews» (1809).
1831-40 Ägyptische Besetzung Syriens und Palästinas (vgl.
Modernisierung Ägyptens durch Muhammed Ali, Vizekönig von
Ägypten 1805-49).
1838 Britisch-osmanisches Freihandelsabkommen und Eröffnung eines
brit. Konsulats in Jerusalem.
1841 Anglo-preussisches protestantisches Bistum Jerusalem. 1846-79:
Bischof Samuel Gobat.
1839-76 osmanische Reformära (Tanzimat).
II Spätosmanisches Palästina und Zionismus
1876-1909 Sultan Abdulhamid II.: Politik der muslimischen Einheit.
1882 Erste jüdische Migrationsbewegung nach Palästina (1.
Alija) aus Russland nach den Judenpogromen, die auf die Ermordung Zar
Alexander
II. 1881 folgten. Bis 1904 gut 20'000 Einwanderer; gleichzeitig weit
zahlreichere muslimische Migration aus dem Zarenreich ins Osmanische
Reich, v.a. nach Anatolien.
1897 1. Zionistenkongress. 1907 zionistisches Palästinaamt in
Jaffa zur Förderung der jüdischen Besiedlung.
1908 «Jungtürkische Revolution». 1913-18 diktatoriale
jungtürkische Politik türkischer und muslimischer Einheit.
1911-14 Ben Gurions osmanische Option: Er studierte Jus in Istanbul und
wollte osmanischer Abgeordneter werden.
1915 Ben Gurion verliess desillusioniert Palästina und reist in
die USA.
III Britisches Mandat
1917 Balfour-Deklaration und britische Eroberung Palästinas.
1919-23 Neuordnung des Nahen Ostens in Sèvres und Lausanne:
Armenier, Kurden und Palästinenser als Verlierer der neuen Ordnung.
1920-48 Trotz zunehmender jüdisch-britischer Unstimmigkeiten
gewährt das britische Mandat der jüdischen Minderheit ein
sicheres Dach in
Palästina. Der Aufbau zionistischer Strukturen in Wirtschaft
(Histadruth
1920) und Politik (Jewish Agency 1929) schreitet voran; die
jüdische
Bevölkerung verzwölffacht sich in der Mandatsperiode. Unter
säkular-nationalistischen wie auch islamistischen Vorzeichen
formiert sich palästinensischer
Widerstand.
1935 Ben Gurion Vorsitzender sowohl der World Zionist Organization als
auch der Exekutive der Jewish Agency.
1937 Teilungsplan der Peel-Kommission.
1933-45 Judenverfolgung in Deutschland und Europa.
1947 UN-Vollversammlung beschliesst die Teilung
Palästinas (29.
11.). (Karte)
1948 Proklamation der Staates (14. 5.), einen Tag vor Ablauf des
britischen Mandates, mit Ben Gurion als
Ministerpräsident (1948-53). Israel siegt in den Ende
1947 ausgebrochenen
Kämpfen und vergrössert sein Terrritorium.
Demografie Palästinas
Vgl. MacCarthy 1990; Krämer 2002, S. 154-66 und 215-17.
• Um 1800: Knapp 300'000, davon 90 % Muslime, ca. 25'000 osmanische
Christen und 7'000 osmanische Juden («alter Yishuv» in
Jerusalem, Hebron, Safad, Tiberias).
• 1881: 457'000 osmanische Untertanen, ca. 400'000 Muslime, 43'000
Christen und 15'000 Juden (hinzu kommen einige Tausend nichtosmanische
Christen und ca. 10'000 nichtosmanische Juden).
• 1914: 722'000, 602'000 Muslime, 81'000 Christen, 39'000 Juden (hinzu
kommen knapp 30'000 nichtosmanische Juden).
• 1922: 820'259, 640'798 Muslime, 76'194 Christen, 94'752 Juden, andere
8'515.
• 1946: 1'942'349, 1'175'196 Muslime, 148'910 Christen, 602'586 Juden,
andere 15'657.
PALÄSTINA/ISRAEL SEIT 1948
Der junge Nationalstaat nutzte in den zwei Jahrzehnten nach 1948
seine
militärische und diplomatische Stärke dafür, zu
expandieren und die Palästinenser weiter zu verdrängen. Er
rechtfertigte dies mit dem Erfolg seiner Waffen, mit dem ideologischen
Rückgriff auf das alttestamentliche Israel und indem er auf
Widersacher verwies, die den Untergang des jungen Staates anstrebten.
Mit dieser Argumentation fand er Rückendeckung in den USA, ohne
deren massive finanzielle und militärische Unterstützung der
regional isolierte Staat kaum hätte überleben können.
Der grösste territoriale Gewinn Israels resultierte aus dem
Sechstagekrieg 1967. Dass sich Israel danach nicht auf sein
Kernanliegen, eine kleine, anerkannte Heimstätte für Juden zu
sichern,
konzentrierte: Das
war für damalige "Rufer in der Wüste" ein grundlegender
Fehler; Israel würde als Besatzungsmacht
Nichtjuden ghettoisieren,
ihr Elend festschreiben und damit sein Selbstverständnis
beschädigen
(Yeshayahu Leibowitz u.a.).
I Expansion Israels – Zementierung des
palästinensischen Flüchtlingsproblems
1949 Die Lausanner Nahostkonferenz scheitert nach Einschätzung des
US-Emissärs Mark F. Ethridge an der Intransigenz des Siegers, der
die palästinensischen Flüchtlinge den Sudetendeutschen
gleichstellt.
ab 1950: Gleichzeitig mit dem Westbündnis der Türkei,
verstärkt nach 1967, lehnt sich Israel strategisch eng an die USA
an. Bis in die 1980er Jahre steht der Nahostkonflikt im Zeichen des
Kalten Krieges.
1956 Israelischer Angriffskrieg auf Ägypten
(«Suez-Krieg»). Auf amerikanischen Druck hin räumt
Israel 1957 die Sinai-Halbinsel. - Gründung der
palästinensischen Kampforganisation el-Fatah durch Yasir Arafat.
1964 Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation
(PLO) durch den Palästinensischen Nationalkongress.
1967 Israelischer «Präventivkrieg»
(«Sechstagekrieg»), nachdem Ägypten den Seeweg nach
Eilat gesperrt hatte. Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten
(Gazastreifen und Westjordanland).
II Krisen und Friedensbemühungen
1973 Yom-Kippur-Krieg (arabischer Überraschungsangriff).
US-Unterstützung hilft ein israelisches Debakel zu verhindern.
1977 Mit Menachem Begin (Likud-Partei) kommt ein Jünger des
Rechtszionisten Jabotinsky als Ministerpräsident an die Macht. Die
Arbeiterpartei ist erstmals in der Opposition.
1979 Ägyptisch-israelischer Friedensvertrag.
1982 Israelischer Feldzug in den Libanon und Besetzung des
Süd-Libanons. Hintergrund: Jordanien bildete bis 1970 eine
Hauptbasis militanter Palästinenser, das haschemitische Regime
ging aber 1970/71 brutal gegen diese vor, so dass ein Exodus nach dem
Libanon einsetzte.
1987 Intifada in den besetzten Gebieten.
1991 Nahostkonferenz in Madrid und Beginn des Osloer Friedensprozesses.
1993 Prinzipienerklärung zwischen Israel und der PLO über
gegenseitige Anerkennung und die Schaffung einer palästinensischen
Selbstverwaltung.
1994 Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien. Arafat, Peres und
Rabin erhalten den Friedensnobelpreis.
1995 Der israelische Ministerpräsident Rabin wird durch einen
religiösen Ultranationalisten ermordet. Der Friedensprozess
erleidet
schweren Schaden. Die israelische Siedlungspolitik wird fortgesetzt
(1996–99
unter Ministerpräsident Netanyahu vom Likud).
2000 US-Präsident Clinton, der israelische Ministerpräsident
Barak und Arafat treffen sich in Camp David. Die Gespräche sind
vertraulich. Barak will den Grossteil der 1967 besetzten Gebiete
zurückzugeben, versucht aber in der bedeutsamen Jerusalemfrage,
die Palästinenser mit einem Vorort abzufinden.
III Politische Perspektivarmut im Schatten des «War against
Terror»
2001 Ministerpräsident Ariel Sharon von der Likud-Partei, 2006
abgelöst durch Ehud Olmert.
2003 Die Genfer Initiative: ein inoffizieller Kompromiss
beidseitig Vernünftiger? Dessen Umsetzung bleibt in den
existierenden politischen Verhältnissen vorderhand utopisch.