Erschienen am: 07.09.2001
Israel, die Besatzungspolitik und der Vorwurf
des Rassismus
Uri Avnery
Vor 30 Jahren war ein Lied in Israel sehr populär. Es begann mit den
Worten: «Die ganze Welt ist gegen uns - aber das schert uns nicht...»
Es war ein lustiges Lied, so fröhlich, dass eine militärische Unterhaltungsgruppe
einen Tanz daraus machte.
Auch die extrem anti-israelischen Beschlüsse der NGO-Konferenz in Durban,
in der 6000 Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt vertreten waren,
haben die Israelis nicht deprimiert. Ganz im Gegenteil, sie haben sogar eine
gewisse Genugtuung hervorgerufen, denn sie haben ja nur bestätigt, was
viele Israelis denken: Alle Goyim (Nichtjuden) sind Antisemiten.
Jedes Kind in Israel lernt spätetens in der Schule, dass die Juden zu
allen Zeiten und in allen Ländern ermordet und verfolgt worden sind.
Als ich als Zehnjähriger aus Deutschland flüchten musste, habe
ich diese Überzeugung mitgenommen. Der Holocaust war dann nur der Höhepunkt,
keinesfalls aber eine Ausnahme.
Die Theorie von Basel
Die zionistische Bewegung war vor 104 Jahren in Basel gegründet worden,
um der Judenverfolgung ein Ende zu setzen. Jetzt sieht es aber paradoxerweise
so aus, als ob gerade die israelische Politik den Antisemitismus in der Welt
schürt und die jüdischen Gemeinden gefährdet. Wie konnte dies
geschehen?
Die Theorie in Basel war: Die Juden werden verfolgt, weil sie überall
eine Minderheit sind. Ergo: Die Juden müssen einen eigenen Staat haben,
in dem sie die Mehrheit bilden. Die Wahl fiel auf Palästina. Die Tatsache,
dass dort ein anderes Volk lebt, wurde in der Begeisterung ignoriert. Zwar
lebten damals eine halbe Million Araber in Pa-lästina, aber zu jener
Zeit haben nur wenige Europäer die Präsenz schwarzer, brauner, gelber
oder roter Menschen wahr- und ernst genommen.
Die arabischen Palästinenser wehrten sich gewaltsam gegen die zio-nistische
Einwanderung. Die Zionisten waren über den Widerstand empört und
griffen ebenfalls zur Waffe. Seitdem herrscht Krieg. Israel wurde in diesem
Krieg geboren und hat im Laufe der Zeit ganz Palästina erobert. Damit
wuchs die Gegenwehr der Palästinenser. Die Zionisten wollen einen Staat
für Juden. Nichtjuden sind in Israel praktisch Bürger zweiten Grades.
In den seit 1967 besetzten Gebieten haben sie überhaupt keine Bürgerrechte,
sie sind Untertanen eines Militärregimes. Selbst die nach 1993 entstandenen
kleinen «sich selbst regierenden» palästinensischen Gebiete
sind mehr oder weniger belagert.
«Das ist reiner Rassismus», rufen die Feinde Israels in Durban.
«Ein Staat, in dem nur Juden wirklich vollberechtigt sind, ist ein
Apartheidstaat!» Die Freunde Israels bestreiten das. «Es ist ein
nationaler Konflikt, der mit Rasse nichts zu tun hat», entgegnen sie
wütend, und: «Alle israelischen Massnahmen sind nur zur berechtigten
Verteidigung da.»
Durban ist eine Warnung
Auf beiden Seiten sind das Propagandaparolen, die mit der Wirklichkeit wenig
zu tun haben. Tatsache ist, dass Israel seit 1967 eine militärische
Besatzung aufrecht erhält, die das Leben der Palästinenser zusehends
zur Hölle macht. Willkür ist allgegenwärtig. 200 000
israelische Siedler, darunter viele national-religiöse Fanatiker, sind
in den besetzten Gebieten angesiedelt worden. Die Siedlungen und alle wichtigen
Landstrassen werden von einem Riesenaufgebot von Soldaten beschützt.
Palästinenser greifen zur Waffe des Terrors oder schiessen auf Siedler
und Soldaten, diese schiessen mit gewaltiger Übermacht zurück.
Seit Beginn des palästinensischen Aufstandes vor einem Jahr gab es rund
650 palästinensische und 150 israelische Tote.
Die aufgestaute Wut der Palästinenser hat sich auf die ganze arabische
und islamische Welt übertragen, aber auch auf Menschenrechtler anderer
Länder. Das ist in Durban - buchstäblich - «zur Sprache»
gekommen. Es ist aber nicht dabei geblieben. Einige der Ausdrücke muten
antisemitisch an, manche sind unverblümt antisemitisch.
Das ist vielleicht das Schlimmste an der Sache: Zum ersten Mal seit 1945
wird der Antisemitismus legitimiert. Er wird wieder salonfähig. Israelische
Taten, ob berechtigt oder nicht, erzeugen eine Reaktion gegen die Juden.
Da Israel sich offiziell als «Staat des jüdischen Volkes»
bezeichnet und die Juden der ganzen Welt sich mit Israel öffentlich identifizieren
(und oft die Politik rechtsradikaler Kreise in Israel unterstützen) ist
das wohl unabwendbar.
Mindestens ein Teil der Friedensbewegung in Israel macht sich darüber
Gedanken. «Durban ist eine Warnung», erklärte Gush Shalom
(«Friedensblock»), «wir müssen schnell zu einem Kompromissfrieden
mit den Palästinensern kommen. Der Preis des Friedens ist kleiner als
der Preis eines Krieges, den jetzt auch die Juden in der Welt bezahlen müssten.
Durban muss uns zum Frieden anspornen.» Durban, auf hebräisch,
heisst nämlich «Sporn».
* Der Israeli Uri Avnery, 1923 in Deutschland geboren, ist Journalist
und Vorsitzender der Friedensbewegung «Gush Shalom».
© 2003 National Zeitung und Basler Nachrichten
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